Italienischer Spiegel der Zufriedenheit

Neulich saß ich auf einem Steg und wartete auf die Fähre. Um mich war eine wunderschöne wilde Landschaft, es roch angenehm nach Meereswasser und die Sonne mit Wind strichen zart und abwechselnd die Haut. Alles war so entspannt, hinter mir war ein angenehmer Strandtag und jetzt lag ein schöner Weg nach Hause. Die Fähre kam ein wenig verspätet an und der alte Mann – ein uritalienischer Fahrer, stieg aus. Während er das Pier entlang lief, fragte ich ihn, ob wir schon die Fähre betreten dürften. Worauf er mit nur eine Geste schenkte, mit der Handfläche gewunken, ließ er mich wissen – „entspann dich“. Genau in diesem Moment habe ich es begriffen, nach 15 Jahren Habitat in Deutschland, habe ich nun zu viel von deutscher Denkweise und Lebensstil in mich aufgenommen.

Ich habe angefangen zu überlegen, zu fühlen. Woher kam der Drang ihn zu fragen? Warum musste ich überhaupt mich eilen? Wohin? Ich habe vor nur ein köstliches Abendessen zu kochen, ich habe keine Termine und Verpflichtungen. Was für eine Rolle spielt es wann diese Fähre abfährt? Ich habe keine Antworten darauf gefunden.

Nach einer Woche in Italien habe ich nur noch deutlicher wahrgenommen wie angespannt die deutsche Gesellschaft ist und ich natürlich auch, ich bin ja mittedrin. Als ich damals nach Deutschland kam, war ich von der Regelung jeder Kleinigkeit total begeistert! Meiner Meinung nach die Regeln schenken eine recht große Freiheit, du kennst die Grenzen und kannst dich viel leichter innerhalb dieser bewegen. Was mir jedoch nicht klar war, dass jeder respektabler Bürger es für seine Pflicht hält dich bei jeder Gelegenheit zu belehren. Zum Beispiel meinem Nachbar es ist nicht zu schade mir oder meinen Freunden die post-it Zettel zu verteilen, wenn man einen Fahrrad kurz vor der Tür gestellt hat. In der Ausbildungen merke ich immer wieder wie schwierig es Vielen fällt selbstständig zu denken, stattdessen werden strickte Vorgaben erwartet damit man sich daran halten kann. Sehr viel wird über die Rahmenbedingungen diskutiert und man liebt es auf die Worte von Anderen zu verweisen. Abgesehen von der Belehrungen und Meldungen aller Art, herrscht in Deutschland eine unterschwellige Unzufriedenheit. Egal womit. Hauptsache man meckert.

Die Tradition sich dem unzufriedenen Genörgel hinzugeben fiel mir besonders stark auf als ich in die Yoga Szene kam. Ich meine, in der Film Branche sind alle rund um die Welt nicht ganz adäquat und gehen mit sich selbst und anderen schonungslos um. Doch wie ist das möglich in Yoga? Naiv dachte ich Santosha (auf Sankskrit „Zufriedenheit“) wird praktiziert und angestrebt. Doch ich sah ein Meer aus unzufriedenen Gesichtern vor mir. Auf die Frage „Wie geht es dir?“ bekome ich seltenstes eine positive Antwort, ja es wird beinah irgendeine Antwort herausgequetscht, voller Leid, dass man am Leben ist. Wie zum Beispiel „es muss ja“, „geht schon“, „passt“ oder ein trockenes „danke“. Was ist los?

Das Leben ist los. Das Leben jeder Deutscher ist voller Leid. Der Wohlstand der Gesellschaft ist inzwischen so groß, dass man beinah keine Ahnung hat, was bedeutet wirklich zu leiden. Damit will ich gar nicht die Diskussion aufmachen, was „das echte Leid“ darstellt und all die Depressiven dürfen sich hier bitte nicht angesprochen fühlen, ich rede von gesunden Menschen ohne klinischen Hintergrund. Wo ist das Problem?

Ich habe diese Frage meiner Instagram Community gestellt und einige interessante Antworten bekommen. Ein Rußer schreibt, das System sei schuld, es zwinge Menschen zu ihrem Roboter ähnlichem Verhalten. Doch meiner Meinung nach sollte man weder System, noch jemand Anderem die Schuld schieben. Schließlich ist man selbst für dein Glück verantwortlich und auch innerhalb eines Systems darf man den Blick nach Innen richten und mit sich ehrlich arbeiten.

Eine Dänin erwidert, sie fände es auch manchmal, dass die allgemeine Deutsche Lebensfreude nicht genug praktiziert wird. Auf die Frage „Wie kann man die Freude zurück holen?“ gibt es wie beinah für alles von mir nur eine Antwort – Bewusstsein erhöhen. Selbstreflektion ist wichtig. Sich selbst mehr als die Anderen zu beobachten. Achtsamer mit eigenen Gedanken und Gefühlen umgehen. Freude ist ein Produkt der permanenten Arbeit. Unser Gehirn ist von Natur aus auf Gefahr gestimmt. Es sucht unaufhörlich nach Gefahr um uns zu schützen, es sucht nicht nach Glück, Freude und Liebe. Aber dank Neuroplastizität können wir ihn trainieren. Doch dies bedeutet Arbeit und zwar eine permanente Arbeit. Sobald man damit aufhört, kehrt alles in seinen „normalen“ gewöhnlichen Bahn der Gefahrsuche und damit rutscht man in das Negativität. Das deutsche Gehirn ist der Maßen verwöhnt mit dem hohen Lebensstandard, dass es beinah von der Abwesenheit der Gefahren ausrastet. Es muss doch etwas sein, womit es sich beschäftigen kann. Und es findet es. Die Anderen. Die Anderen sind immer falsch, schuld und doof. Wie praktisch. Und wenn da kein Anderer gerade zur Verfügung steht, dann kann auch das Wetter, das System oder einfach nur das Leben blöd sein.

Ich weiß, dass ich ein Teil dieser Gesellschaft geworden bin. Trotz meinem vorhandenen Akzent und dem ausländischen Hintergrund, habe ich bereits viel zu viel von Deutschland in mir. Ich bin mehr deutsch, als mit lieb wäre. Ahahaha. Beinah die Hälfte meines Lebens lebe ich hier. Doch dank Yoga kann ich immer wieder Bewusstsein trainieren. Man meine umgebe dich mit positiven Leuten, damit du positiver wirst. Nur ich kann sagen als ein (meistens) positiver Mensch, dass meine Arbeit die Lebensfreude zu erhalten sehr hart ist, und ich brauche keine negativen um mich um ihr Leben zu verschönern. Inzwischen gehe ich mit meiner Umgebung genau so bewusst um, wie mit mir selbst. Ich kann die Lebensfreude kultivieren, aber wer hält mir den Spiegel vor?? Ich brauche mehr italienische Fährmänner um mich.

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