Wenn der Schleier fällt

Wozu gibt es den Schleier? Es soll etwas verdecken. 

Die Braut zum Beispiel, damit die bösen Augen und die bösen Geister sie nicht erreichen, sie nicht verderben. Es verdeckt auch die Trauer der Trauenden. Es verdeckt das Gesicht einer Frau, um sie vor den animalischen Instinkten der Männer zu beschützen. Es hat teilweise, in manchen Kulturen eine sehr alte lange Tradition, die viel weiter zurückgeht, als die darauf folgenden Religionen. Man hat sogar anhand der Schleier gewusst zu welcher Klasse eine Dame gehört. Im alten Ägypten oder Rom waren Schleier ebenso ein wichtiges Attribut, der einen Hinweis der Zugehörigkeit einer Frau zum bestimmten Stand kundgab. Die Prostituierten und Sklavinnen dürften keins tragen.

Doch dies ist eine Perspektive von außen. Was ist mit der Innenperspektive der Braut, der Trauernden, der Wohlhabenden? Kann sein, dass der Schleier einfach nur die Sicht der Dinge verändert? Möchte man die Braut vor dem Bösen schützen von außen oder vor dem Guten von Innen? Nicht, dass ihre Selbstliebe sie vor der Heirat abhalten würde. Möchte man ihr die Möglichkeit nehmen die Dinge so zu sehen wie sie sind? Möchte man sich von der Trauer der Trauenden abgrenzen oder sie daran erinnern? Sie sieht definitiv die Welt durch diesen schwarzen Schleier grau und traurig. Möchte man schließlich den Frauen das Reden verbieten, wenn man einen Schleier vor ihren Mund legt? Und die Realität noch so umzudrehen, es sei nur in ihrem eigenen Sinne?

Oh, diese Momente, wenn man entdeckt, einen Schleier getragen zu haben. Eine Wohltat, wenn man es ablegt, bewusst. Manchmal jedoch fällt es selbst ab und erst dann erfährt man überhaupt einen getragen zu haben. Avidya heißt es in Yoga. Davon sind wir allen Geschlechts, Alters, Religion etc. unabhängig betroffen. Avidya – Verblendung. Eine der drei Geistesgifte (in der buddhistischen Philosophie) – Moha – Verblendung oder Nicht-Wissen. (Die zwei anderen sind Anhaftung und Ablehnung.) Sie sind die Kraftwerke, die treibende Kraft des Samsaras (das Rad der Wiedergeburten). In vertiefter Interpretation wird Verblendung sogar als die Ursache für die zwei anderen Geistesgifte (Anhaftung und Ablehnung) gebracht. 

Man sucht sich die Verblendung aus, bewusst oder unbewusst. Der buddhistische Weg (oder auch, aber nicht nur, yogische Weg) bietet eine Menge Übungen und Instrumenten um Bewusstsein zu erhöhen, um Achtsamer zu werden, um dieses Geistesgift, die Unreinheit los zu werden. Man soll aber zunächst ehrlich genug mit sich selbst sein und gestehen, dass man es aussucht. 

Von morgens bis abends tun wir nichts anderes als nur unsere Überzeugungen zu bestätigen. Wenn das keine Form der Verblendung ist? Wenn unser ARAS (aufsteigende retikuläres Aktivierungssystem) nicht den Schleier spielt? Man kriegt von außen gesagt oder manchmal eine schwache Stimme von Innen sagt auch: „Lege den Schleier ab, sieh hin, das ist die Wahrheit!“ wir haben einfach keine Zeit, keine Muse, keine Not den Schleier abzulegen. Wir haben schon immer den Schleier getragen, wir glauben uns von den Geistern oder bösen Menschen damit zu schützen und am Ende schützen wir uns nicht, sondern unsere Ängste. Wir schützen uns vor der Enttäuschung. In der Angst die Täuschung sei ein Weg, schützen wir uns mit dem Schleier der Avidya.

Sollte man es ablegen? Wird man tatsächlich das Leid reduzieren können? Denn so verspricht uns der Buddhismus, die Befreiung zu erfahren, man lege nur den Schleier ab. Man sei ehrlich und mutig genug sich zu enttäuschen. Tut Enttäuschung nicht weh? Ja, es kann sich durchaus als unangenehm erweisen. Wie fühlt man sich, wenn man endlich sich von der Verblendung namens „Verliebtheit“ einmal befreit hat? Wenn man erst den Verrat oder Betrug verdauen muss? Wenn man abgelehnt wird? Wenn man eigenen Erwartungen nicht gerecht wird? Oder schlimmer, wenn man anstrebt Erwartungen anderen gerecht zu werden? Waren die Prostituierten und Sklavinnen der Realität viel näher ausgesetzt? Sie durften keinen Schleier tragen.

Ja, das alles impliziert das Leiden, doch nur im ersten Moment. Mit genug Abstand dazu (zeitlich, räumlich, geistig) erfährt man den süßen sehnsüchtigen Geschmack der Freiheit. Es ist wie frei von sich selbst zu sein und gleichzeitig sich selbst so nah zu sein wie noch nie. Es ist die Verbundenheit mit dem Ganzen. Es gibt keine Trennwand mehr, kein Schleier. Es ist die Klarheit der Sicht und keine Not sich vor bösen Augen oder aggressiven neidischen Geister (a.k.a. Menschen) zu schützen. Denn was können sie? Sie sind auch nur eine Illusion. Alles ist in dir. Das Gute ist in dir. Verschleiere das Gute in dir nicht, verblende damit die Welt!

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