Instant Wisdom: Verblendet durch Erleuchtung

Die schlimmste Form der Erleuchtung ist der feste Glaube daran.

Woran solltest du erkennen können, dass du erleuchtet bist? Etwa dadurch, dass die Beschreibung in Bhagavadgita oder von deinem Guru, den du für erleuchtet hältst, mit deinen Empfindungen übereinstimmt? Etwa dadurch, dass du auf Erden in diesem Leben ein paar Erfolge hast, die mit menschlichen Konventionen und der Skala des Soziums in dem du lebst, übereinstimmen? Es sind alles äußere Bestätigungen. Allein die braucht man nicht, sobald man sich der Wahrheit nähert.

Wir alle leben in unserer subjektiven Welt und die Tatsache, dass wir uns auf ein paar Dinge einigen, macht sie noch längst nicht objektiv. Es ist ähnlich mit dem Konzept der Zeit: die Zeit gibt es nicht, es ist nur ein Maß für die Entropie, für die Chronologie, damit wir uns einfacher verständigen können und leichter (nenn es bequemer, effizienter?) unseren Alltag meistern können. Gibt es die Zeit wirklich? Ich denke es gibt sie genauso wie einen Meter oder einen Liter.

Es verhält sich mit der Objektivität nicht viel anders. Viele Sachen ergeben sich aus der Notwendigkeit einer angenehmen Koexistenz oder für das Erreichen gemeinsamer Ziele, jedoch nicht weil es sie tatsächlich in dieser Form gibt.

Erleuchtung ist auch ein Konzept. Es kann zu einem Ziel werden: letzte großartigste Stufe des acht-pfadigen Weges in Yoga – ersehnte Samadhi. Es kann erreicht werden, daran zweifle ich nicht – die vollkommene Erkenntnis. Tag ein, Tag aus, sind wir auf dem Weg dorthin, wenn wir uns dafür entscheiden. Wir setzen alle Mittel und Techniken ein, aus Yoga, aus Naturwissenschaft, aus modernster Technologie und uralten Schriften, um uns ihr Millimeter für Millimeter zu nähern.

Doch nichts ist beständig und die vollkommene Erkenntnis ist genauso beständig, wie das Wetter am Meer. Im Grunde geht es nur um einen Augenblick, einen Moment, ein „Aha-Erlebnis“, wo man der Wahrheit ein kleines Stückchen näher gerückt ist. In dem Moment ist es vollkommen. So vollkommen, wie das Glück. Doch konnte man jemals sein Glücksgefühl länger als für einen Augenblick festhalten? Nein. Man weiß, was einen glücklich macht und man kann das Gefühl immer wieder in sich finden, es immer wieder hervorrufen und sich dafür bewusst entscheiden. Aber halten, damit es andauert, kann man genau so wenig, wie die vollkommene Erkenntnis.

Außerdem müssen wir uns eingestehen, in einem extrem ungeduldigen Zeitalter zu leben. Instant Wisdom, verpackt auf einem Instagram Bild mit filigranem Text auf minimalistischer Unterlage, oder eine Bildunterschrift unter einem abgelichteten Kaffeebecher. Tausende von Likes beweisen wie ultimative Wahrheit ans Licht gerückt wurde, tausende Menschen teilten den Inhalt und wollten keine Sekunde lang das Mittel zur Erleuchtung für sich behalten. Doch das ist Bullshit. Wie ein Video von Jochen Schweizer, das ich neulich angesehen habe. Er ginge so tief in Yoga rein und es gebe einen Guru, der ihm die ultimative Wahrheit über Yoga verkündet hat. Er erzählte es ihm auf Englisch und so müsse er uns es auch auf Englisch weitergeben (warum nicht auf Sanksrit?). Nun gibt er einen Teil der bekanntesten Upanishaden wieder: Katha-Upanishad.

In einem Gleichnis wird der psychische Organismus beschrieben, wie ihn der Rishi sieht.

Vers 3.3:

Ein Wagenfahrer ist, wisse

Der Atman, Wagen ist der Leib,

Den Wagen lenkend ist Buddhi

Manas, wisse der Zügel ist.

Diese Lektion, sagt Schweizer voller Drama und Tiefsinn, habe ihn verändert. (Ich fürchte mich mir vorzustellen, wie ihn der ganze Text von Katha-Upanishad verändern würde.) Während er so tief in Yoga hineinstieg, hatte er keine Zeit, sich mit originalen Texten zu beschäftigen. Wozu auch? Yoga reduziert sich heute in der westlichen Gesellschaft auf Asanas-Praxis und außerdem gibt es Gurus wie Max Strom, die einen aufklären und Instant Wisdom vermitteln können. Ah, meinetwegen, besser so eine Aufklärung als gar keine. Jedoch muss man sich bewusst sein, diese eine einzige Erkenntnis, ist wie ein H2O Molekül in den unzähligen Galaxien. Man hatte einen erleuchtenden Augenblick und man war in dem Augenblick auch erleuchtet, aber jetzt ist es nicht mehr. Jetzt wird die Erkenntnis ein Teil von einem und man geht weiter, seine Erfahrungen und Wissen zu sammeln.

Die schlimmste Form der Erleuchtung ist der feste Glaube daran. Man erkennt es in dem Eifer eines Menschen, der einen immer gerne belehrt. Man erkennt es in der herablassenden Art seiner Erklärungen und in seiner Ausstrahlung voller eigener Überzeugung und Bereitschaft rechthaberisch einem die ultimative Wahrheit zu verkünden. Die aufgesetzte Haltung und falsche Gestik, die mühevoll das Eigentliche verstecken: die eigene Unsicherheit und unermessliches Ego. Wenn so ein Erleuchteter redet, bekommt man oft das Gefühl, er möchte es eher sich selbst erklären und beweisen. Und eins hat er noch nicht gecheckt: es gibt sie nicht – die ultimative all deckende und erklärende Wahrheit.

Jeder in uns trägt eine eigene Wahrheit und sie wird niemals objektiv sein, sie wird niemals andauernd sein und sie wird niemals absolut, sofortig (instant) einen überkommen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s