Oh, du Erfahrener! Ich verneige mich…vor dir nicht.

Eigentlich macht es gar keinen Sinn das Wissen und die Erfahrung gegen einander zu stellen. Im besten Fall sollten beide sich ergänzen und auf einander aufbauen. In der Realität sieht es oft anders aus. Einer der anstrengendsten sophistischen Argumente ist das Erfahrungsargument. Langweilig und immer aus eigener Zweifeln oder Inkompetenz herangezogen. Erfahrung wird überschätzt. Fragt mal einen Frischling aus der Uni nach dem Abschluss, wieviel Wert sein Wissen auf dem Markt hat. Ziemlich jeder möchte einen gebildeten, aber auch unbedingt erfahrenen Mitarbeiter haben. Erfahrung ist das praktische Wissen und wird so oder so mit der Zeit gesammelt. Schon bald haben wir einen erfahrenen Menschen, der keine Ahnung von der Stand der Dinge von heute hat. Weil theoretisches Wissen sich schneller als das praktisches entwickelt. In Yogaszene sieht es nicht viel anders aus. Doch wo beginnt die Erfahrung das aktuelle Wissen zu ersetzen?

„Was nutzt schon jahrelange Erfahrung, wenn der Mensch es immer falsch gemacht hat?“ – habe ich neulich im Netz gelesen und dachte mir, endlich stellt jemand Erfahrung in Frage. So ähnlich dachte ich immer, was nutzt es auf 50 jährige Beziehung stolz zu sein, wenn du all die Jahre tot unglücklich warst? Ich kenne einige Yogalehrer, die jahrelang nach ihre Basisausbildung regelmäßig unterrichtet haben und sind die Meinung, die tun es ausgezeichnet und immer besser, weil die Zeit vergeht und sie immer mehr Erfahrung sammeln. Jedoch sie bilden sich nicht weiter. Young Ho Kim sagt: „Du musst investieren, wenn du ein Gewinn erzielen willst.“ In dem Fall wäre sinnvoll auch in sein Wissen zu investieren und es regelmäßig vertiefen und erfrischen. Der Gewinn ist – verletzungsfreies, effektives Praxis und dankbare Schüler. Nach meiner letzten Fortbildung bei Inside habe ich festgestellt, dass sich einiges verändert und weiter entwickelt hat. Vieles von dem, was ich selbst jahrelang praktiziert habe, wird heute nicht mehr als (anatomisch-therapeutisch) sinnvoll gesehen. Solltest du jemals Mut haben, einen „erfahrenen“ Yogalehrer darauf hinzuweisen, im besten Fall wirst du hören: „Jeder macht es nach seiner Überzeugung.“ Im schlimmsten Fall bist du im black list.

Überzeugung. Es ist eine tolle Sache – Überzeugung. Ich hatte in meiner Philosophie Studium ein spannendes Seminar zum Thema Glaube. Einer der wichtigsten Elemente davon ist Überzeugung. Man kann von Vielem überzeugt sein und dem entsprechend daran glauben, jedoch Wissen ist was ganz anders. Wissen basiert auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Die wissenschaftlichen Methoden mögen in Frage gestellt werden, aber sobald es um Anatomie geht, da möchte ich auf gar keinen Fall, dass ein Lehrer mir sein dogmatisches Wissen aus Überzeugung und Erfahrung aufzwingt.

Neulich wurde ich gefragt über die Stellung der Beine, explizit im Adho Mukha Svanasana (herabschauenden Hund). „XY Lehrer meint, es soll immer mit eng gestellten Füßen praktiziert werden.“ – äußerte sich die Frau. Ich habe der Frau erklärt was für Unterschiede es im Körper ausmacht, je nachdem wie sie die Füße stellen wird. Dazu habe ich ihr empfohlen, falls sie an einer oder anderer Sache zweifelt, ruhig den Lehrer zu fragen – warum er so und nicht anders unterrichtet. Sollte keine plausible Antwort kommen, sondern so was wie „weil ich es so gelernt habe“ oder „weil ich es schon immer so unterrichte und niemand hat sich daran verletzt“ – dann würde ich mich von dem Lehrer verabschieden. Denn genau das ist der Unterschied zwischen einem Hobby Meister, der vielleicht das beste Sequenz aller Zeiten vorführen kann und dem professionellen Yogi, der sein Wissen mit anderen teilt. Der Hobby Meister kennt seinen Körper und hat gelernt damit bestens umzugehen um die effiziente Ergebnisse zu erzielen. Professioneller Yogi weiß wie er sein Wissen so mitteilen kann, dass es auch für seine Schüler einen Sinn macht.

Qualität, statt Quantität – hätten wir alle gerne. Erfahrung ist unersetzbar, aber es kann nur auf dem Fundament des Wissens erwachsen. In diesem Sinne wünsche ich euch verletzungsfreien Praxis mit Spaß und guten Resultaten!

2 Comments

  1. Katia

    Sehr schön. In diese Yogastunde bin ich zufällig gestolpert in meinem Fitness und da hab ich Viktoria als Lehrerin zum ersten – und bisher einzigen – Mal gesehen.
    Ich fand das Yoga klasse und grade der therapeutische Ansatz ist genau das was ich so super finde. Abgesehen von ihrer tollen Stimme, der Musik und der Art der Stunde überhaupt. Einfach nur sehr sehr gut und empfehlenswert!

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